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Stadt der Sammlungen

Schätze in Wunderkammern

Nach dem Vorbild von Fürsten und Bischöfen

Weltliche und geistliche Herrscher zeigten stolz ihre „Wunderkammern“ mit Gemälden und Skulpturen, aber auch mit Naturalien, wie Mineralien, Muscheln, ausgestopften Tieren, getrockneten exotischen Pflanzen. Diese Sammlungen bildeten später oft den Grundstock von Kunst- oder Naturmuseen.

Ebenso wie bei den Bibliotheken wollten gebildete und wohlhabende Nürnberger Bürger es ihnen gleichtun und sie sammelten alles, was selten und interessant war. Diese Schätze in einer Truhe oder – je nach Geldbeutel – in einem eigenen Zimmer, der „Wunderkammer“, wurden gern den Besuchern gezeigt. Ähnlich wie der eigene Barockgarten vor der Stadtmauer waren sie In der Zeit, als die Merianin in Nürnberg lebte, einerseits Statussymbole und andererseits Beweise für das lokale Interesse an allem, was mit der Natur zusammenhing.

Die „vordere Schatzkammer“
Foto: Gerd Grimm

Die „hintere Schatzkammer“
Foto: Gerd Grimm

Die beiden Schatzkammern im Erdgeschoss des Museums Tucherschloss (1) in der nordöstlichen Nürnberger Altstadt wirken zwar „aufgeräumter“, aber sie erinnern mit ihrer vielfältigen Ausstattung noch an die Wunderkammern solcher reichen Nürnberger Familien in der Barockzeit.

Zu beliebten Sammelobjekten gehörten damals auch Tulpenzwiebeln, und Jacob Marrell, der Stiefvater der Merianin, war nicht nur Künstler, sondern auch ein erfahrener Händler von Tulpenzwiebeln. Außerdem war er ein hervorragender Blumenmaler. Die Merianin konnte also einiges vermitteln, woran Nürnberger Sammler sehr interessiert waren. Besonders nachgefragt war, dass sie die vergängliche Frühlingspracht einer kostbaren Tulpe im Aquarell dauerhaft und bewundernswert festhalten konnte. Denn auch in anderen Jahreszeiten wollte ein Nürnberger Handelsherr seinem Geschäftsbesuch aus Venedig oder Lübeck zeigen, wie sich die unscheinbare Zwiebel in seiner Sammlung in ein Blütenwunder verwandeln konnte.

Aber nicht nur Schönes wurde gesammelt. Seltenes und Absonderliches war ebenso beliebt. Im Herbst erhielt der Nürnberger Arzt, Botaniker und Sammler Johann Georg Volkamer (1661-1744), der Jüngere, einem Brief mit einem vielfältigen Angebot an solchen „Curiositäten“: 1 Krokodil, 2 große Schlangen, 18 kleinere Schlangen, 11 Leguane, 1 Gecko, 1 kleine Schildkröte zum Pauschalpreis für das gesamte Angebot: 20 Gulden (2).

Da der Brief aus Amsterdam kam, ist es vielleicht nicht schwer, den Absender zu erraten: Die Geschäftsfrau „Maria Sibylla Merian“ schätzte ihren Kunden, der vielleicht sogar einiges an Dritte weiter verkaufte: „Wenn der Herr sie beliebt zu haben, so will ich es ihm gern berichten, wenn ich wieder neue Getiere bekomme, und wenn ich dem Herren in etwas dienen kann, so beliebe er nur zu befehlen.“

Die Neugierde der Nürnberger sowie ihre Leidenschaft, möglichst viel zu sammeln und zu dokumentieren, ermöglicht ganz neue Sichtweisen auf die Vergangenheit in dieser Stadt. So ist auf einem dreihundert Jahre alten Stich (3) zu sehen, dass auch eine Frau zu den Sammlerinnen gehörte, denn sie wurde offensichtlich mit ihren Lieblingsstücken abgebildet: Muscheln, Medaillen und präparierte Schmetterlinge.

Einige der arrangierten Schätze aus ihrer Wunderkammer sind Teil eines Stichs mit der Darstellung von Esther Barbara Sandrartin, die im Kapitel „vertauschte Identitäten“ vorgestellt wird, weil die Portraitierte oft als „Maria Sibylla Merian“ bezeichnet wurde. In der Spanschachtel sind neben präparierten Schmetterlingen auch aufgespießte Puppen und vielleicht sogar eine leere Hülle von einem geschlüpften Falter (links) zu erkennen.

Ein bekannter Reiseschriftsteller war so beeindruckt, dass er ihre Sammlung mehrere Seiten lang beschrieb. Erfreut stellt er fest, dass sie sich „ein Vergnügen machtet, die zu ihrem Zeitvertreib gesammelte Raritäten an Fremde zu zeigen“. Sein Lob zeigt, dass zur Zeit der Merianin auch andere bemerkenswerte Frauen in Nürnberg lebten: „Die Frau Sandrart selbst ist eine von den größten Raritäten ihres Cabinets, wenn man ihr munteres Alter und unvergleichliches Gedächtnis in einem Alter von 80. Jahren betrachtet. Sie weiß eines jeden Dinges Namen, die Personen, von welchen sie solches bekommen, die Namen des Krautes oder Baumes, worauf fast jede Art der Papilloas [Schmetterlinge!] ihre Nahrung sucht und sich fortpflanzet.“ Die Merianin konnte sich also in ihrer Nürnberger Zeit nicht nur mit Männern, sogar mit einer Frau fachkundig unterhalten.

  1. https://museen.nuernberg.de/tucherschloss/dauerausstellung/eingangshalle-mit-schatzkammern/
  2. Wettengl (1997), S. 265, Brief Nr. 8, UBErlangen, Trew-Bibliothek, Briefsammlung Ms. 1834, Merian Nr. 2
  3. Heumann, Georg Daniel (Radierer), Sandrart, Esther Barbara, Nürnberg 1727; 335 x 230 mm (Platte), Inv.Nr. MP 20693, Kapsel Nr. 39S1, Permalink: http://www.portraitindex.de/documents/obj/33814669 (Ausschnitt)
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