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Zuflucht in Friesland

Bei den Labadisten in Waltha

EINE ZEICHNUNG ALS ERINNERUNG AN DIE RELIGIÖSE GEMEINSCHAFT IN FRIESLAND

Warum kam es – wahrscheinlich 1686 – zum Umzug von Maria Sibylla Merian mit ihren Töchtern und ihrer verwitweten Mutter in die Labadisten-Gemeinschaft auf dem Landgut Waltha, zu dem ein ausgedehnter Grundbesitz bei Wieuwerd in Westfriesland gehörte? War die Flucht von Maria Sibylla aus einer gescheiterten Ehe ein wichtiger oder sogar der alleinige Grund? Wahrscheinlich gibt es keine monokausale Erklärung. Mehrere treibende Kräfte und Zwänge können zusammengewirkt haben.

Die Bedeutung der eigenen religiösen Orientierung von Maria Sibylla für den Umzug von Frankfurt zu den Labadisten ist von vielen kompetenten ForscherInnen detailliert behandelt worden. Da sie sich persönlich nie zu ihren Motiven geäußert hat, (1) wird zur Ergründung ihres Gottesbildes oft aus den Vorreden in den Raupenbüchern über Gottes wunderbare Schöpfung zitiert. Die Bandbreite der unterschiedlichen Schlussfolgerungen reicht von einer „major transformation“ wie z. B. bei Natalie Zemon Davis (2) bis zu einem schon in Nürnberg manchmal übermächtigen „Willen zur Selbstverleugnung und Weltabkehr“ wie bei Anne-Charlott Trepp (3).

Im Staatsarchiv Nürnberg wird ein gezeichneter Plan des Geländes mit einer Ansicht des Landguts Waltha aufbewahrt. Er zeigt Gärten, Kanäle, Gebäude und gibt die Richtung zu den benachbarten Orten an. Zwei Ansichten oben links zeigen das steinerne „Schloss“ als Hauptgebäude mit einem großen Tor zum Schutz gegen Eindringlinge, darunter eine für diese Gegend ungewöhnlich stattliche Baumallee.

Ausschnitt mit Herrenhaus (oben) und stattlicher Baumallee (unten)

„Grundriß vom bekanten Busch zu Wieuwarden, dem Herrn Grafen zu Sommerdeyk zugehörig“ (4)

Die Zeichnung enthält viele Informationen, die nur vor Ort gesammelt worden sein können. Sogar ein Maßstab im Schrittmaß ist angegeben (rechts von den umrahmten Ansichten parallel zum Kanal von oben nach unten). Der Zeichner hat also seine Schritte gezählt und die Entfernungen maßstabgetreu auf das Papier übertragen. Das „Schloss“ als dreistöckiges Hauptgebäude und die vielen anderen Wohn- und Wirtschaftsgebäude sind durch ihre Funktionen gekennzeichnet: „bierbräuerey“, „arbeitplatz des büttners“, „Hauß zum Lederbereiten“ usw. Kein Zweifel, es handelte sich um eine Selbstversorgungsgemeinschaft. Eine Kirche oder Kapelle sucht man auf der Zeichnung vergebens, denn die Labadisten lehnten solche sakralen Räume ab. Die Legende des Verfassers ist sehr präzise. Es gab mehrere Räume, in denen für die meisten Brüder und Schwestern in ihren Muttersprachen gepredigt wurde:

  • Kleinbuchstabe „a“: im Schloss wurde in Französisch gepredigt, und dort aßen die Schlossbewohner (wie z. B. der Leiter Yvon mit anderen Predigern und die Schwestern Sommelsdyk)
  • Großbuchstabe „F“: auf der anderen Seite der Brücke war der holländische Saal, dort aßen die Holländer, und in ihrer Sprache wurde dort gepredigt
  • Großbuchstabe „G“: schräg gegenüber aßen die Franzosen in einem eigenen Raum

Trevor John Saxby hat die gesamte Legende entziffert und weitgehend ins Englische übertragen. (5) Nur bei „W. Four secret rooms (?).“ [sic!] war er nicht sicher, und er hat sich über die Formulierung „W. Vier heimliche gemächer.“ gewundert. Die Platzierung der „W“ viermal direkt über den Kanälen lässt jedoch keinen Zweifel: Es handelte sich um Aborte über fließendem Wasser – sozusagen mit direktem Kanalanschluss.

In dieser deutschen Zusammenstellung wird nun zum ersten Mal die handschriftliche Legende auf dem Plan transkribiert, um das Lesen und damit die Fülle der Informationen leichter zugänglich zu machen. (6)

Auf einer virtuellen Zeitreise könnten wir durch das Gelände wandern. Auf dem Blatt finden wir das „bänklein“, die „Som[m]erlauben“ und das „brücklein“. Die Infrastruktur mit der „Pumpe zum sauberen Regenwasser“ und die „blaichwiesen“ zur Wäschepflege sind genau bezeichnet. Es gibt ein „Schmidhaus“ zur Eisenbearbeitung und für die Energieversorgung sogar mehrere weithin sichtbare „Windmühlen“. Dem wachsamen „Kettenhunds Häußlein“ rechts am Kanal und den „säwställ“ (Schweineställen), die wegen des üblen Geruchs extra weit weg erst am unteren Bildrand jenseits des Kanals zu finden sind, sollte man jedoch nicht zu nahe kommen.

Details aus der Zeichnung des Landguts für den äußeren Bereich

Plan-Ausschnitte und Beschriftungen

Transkription mit fachkundiger, freundlicher Unterstützung von Herrn Archivamtsrat Gunther Friedrich, Staatsarchiv Nürnberg

Transkription der Legende

Plan-Ausschnitt innerer Bereich

Ausschnitte aus dem Plan von Waltha: Legende für den zentralen Bereich
Zum Vergleich einfach nach rechts oder links klicken.

A. Ist das Schloß darinn vormals die 2 Grafinnen von Som̅erdÿck, Item H[errn]. Ivon und viel andere leut wohnen. a. da essen Sie, und predigt man auch frantzösisch.
B. Holländische Schul.
C. Apoteck unten, und oben Barbierer
D. Herrn Renier Coppers Wohnung.
E. Ein Garten Wohnung.
F. Holländischer Vergatterungs Saal so unten ist, auch isset man an angedeuten 2 plätzen Beÿ F. aber prediget man.
G. Hier essen die Frantzosen
H. Das Waschhauß.
I. Angebaute Hüttlein von holtz.
K. durchgehenter gang biß zu der Schloßbrucken
KK. So steinern ist u. 3 Schwinbög[en] hat.
L. Anderes brücklein von holtz.
M. Allerhand Wohnungen
N. Hüenerhauß. n. des Büttners arbeitplatz so offen und gegen über daß Zugemacht trecklersort.
O. Hierinnen ist die neue Seitenmühl invention.
P. Bierbräuereỹ
Q. Bier und Weinkeller.
R. Sind Logiment vor die ankom̅ende.
S. Groser Schiffstand s. kleiner schiffstand unter einer Schupfen.
T. Kranen damit man die sachen auß dem Schiff hebt.
V. dreÿ schöne gärten v. noch ain kleiner.
W. vier heimliche gemächer
X. Hauß zum Lederbereiten u. Zuschließthor
Y. Pallisadene Zuschließthor.
Z. bedeuten lauter schöne Alleen oder patziergäng mit schönen ordnungs hohen bäumen, durch ringlein an=gedeut, besetzt, absonderlich ist * biß wider zu * ein gar schöne Prospectiva, dan die baum obgleichsam zusam̅en gewachsen sind.

die Küche

 Cisternen

 die Sailmacher bahn.

 Thor so man Zuschliest wann man predigt.

Nota die Kinder und noch ein Partheӱ Leut essen wider besonder und viel andere in Häusern. (7)

Wie kommt der Plan einer sektenartigen Gemeinschaft im fernen Friesland nach Nürnberg, und weshalb ist der ausführliche Text in Deutsch abgefasst? In Waltha waren Französisch und Niederländisch gebräuchliche Umgangs- und Predigtsprachen, nicht Deutsch. Der Nürnberger Chronist Doppelmayr liefert zeitnah (um 1730) die einzig plausible Erklärung. In sein persönliches Exemplar der „Historischen Nachricht“ hat er handschriftlich neben das gedruckte Stichwort „Johann Andreas Graf“ eingetragen: „… zum Andenken hat er dieses Schloß abgezeichnet“. (8) Zudem ist Graff der einzige Architekturmaler mit deutscher Muttersprache, dessen Anwesenheit auf dem Landgut Waltha zur Labadistenzeit überliefert ist.

Graff wurde nicht in die Gemeinschaft der Labadisten aufgenommen und seine Frau trennte sich dort endgültig von ihm. Das Landgut Waltha war für Graff der Ort der schlimmsten Katastrophe seines Lebens. Trotzdem hat er diesen Plan mit größter Präzision gezeichnet und kein Detail der Infrastruktur vergessen. Die genaue Ortskenntnis im Außenbereich weist darauf hin, dass er sich längere Zeit (= „3fache Reiß“) auf dem Landgut aufhielt und sich dabei intensiv um den Kontakt zu seiner Frau und seinen Töchtern bemühte. Aber die Labadisten wussten seine Arbeit nicht zu schätzen und verjagten ihn.

Er war für sie zu sehr im Diesseits verhaftet. In dieser Religionsgemeinschaft waren die unterschiedlichen Glaubensrichtungen der Eheleute unvereinbar. Diese Feststellung soll keine Schuldzuweisung an eine der beiden Seiten sein.

Heute ist in der Ebene von Wieuwerd, wo Menschen ihr „Neues Jerusalem“ ersehnten, nichts mehr von der ehemaligen Bebauung zu sehen. Sogar die ungewöhnlich stattlichen Baumalleen, die dem Ort den Beinamen „Bosch“ (= Wald) einbrachten, sind längst abgeholzt. 2013 haben Archäologen noch einmal gegraben, um wenigstens Fundamente zu finden, aber es gibt keine bewahrenswerten Reste mehr. (9) Bald soll das Gelände neu „entwickelt“ werden. Was wird von dem weiten Blick bleiben – im wörtlichen und im übertragenen Sinn?

Die akribische Plandarstellung von Graff hilft Saxby und anderen Forschern als Originalquelle und ideale Ergänzung bei ihren Forschungen. Wieder einmal erweist sich mit der Zeichnung im Staatsarchiv die Nürnberger Leidenschaft zum Sammeln, Bewahren und Ordnen von Zeitzeugnissen als Fundgrube für die Merianin-Forschung.

Um diese Canalen hinaußwärts ringsum, da sind lauter schöne Wiesen die man gar oft mehet. (= mäht)

Grabungen

auf dem ehemaligen Landgut Waltha

Schweres Gerät (10)

Spärliche Ergebnisse (10)

Das Terrain, wo Maria Sibylla mit ihren Töchtern ungefähr fünf Jahre lebte, wo ihr Halbbruder Caspar und ihre Mutter starben, bleibt dadurch nach mehr als 300 Jahren für alle Interessierten weiterhin anschaulich, während an dem geografischen Ort dieses ungewöhnlichen Experiments menschlichen Zusammenlebens keinerlei nennenswerte Spuren mehr zu finden sind.

  1. Davis (Lit 1995) S. 161ff
  2. aaO. S. 159
  3. Trepp (Lit 2009) S. 283
  4. Graff, Johann Andreas (?), „Grundriß vom bekanten Busch zu Wieuwarden …“, mit freundlicher Genehmigung des Staatsarchivs Nürnberg (StaatsAN), Handschriftliche Karten Inv. No. 212, 1686 (?), 33.7 x 42.0 cm; Papier auf Japanpapier restauriert, farbige Feder- und Pinselzeichnung
  5. Saxby (Lit 1987), p. 239
  6. Dank an Archivamtsrat Gunther Friedrich, Staatsarchiv Nürnberg, für die Unterstützung bei der Transkription der litterierten Legende und der Bezeichnungen im Plan
  7. Saxby hat hier an Stelle des ursprünglichen Textes seinen eigenen Kommentar eingefügt: „Main gate, reproduced in inset, with a smaller wicket door for pedestrians. It was shut at sermon time. In outlying areas may be seen two windmills, a pump for purifying rainwater, a smithery, a pig-pen, houses for the cattle-men, and a room where conventicles were held in Dutch.”
  8. Doppelmayr (Lex 1730) eingebundenes Blatt für handschriftliche Notizen, links neben S. 26,
    Stichwort: Maria Sibylla Merianin. Im Staatsarchiv Nürnberg ist die Zeichnung als „Johann Andreas Graff ?“ inventarisiert. Die Bestätigung bei Doppelmayr gibt mehr Sicherheit gegenüber dem Fragezeichen in der Inventarisierung durch das StaatsAN. Doppelte Sicherheit könnte ein Schrift- und / oder Papiervergleich mit anderen Arbeiten Graffs bringen.
  9. Bericht in der friesischen Zeitung: „Op ‚e Skille von Hinne Bokma“, volume 49, Nr. 20, 26.09.2013, S. 7
  10. Fotos mit freundlicher Genehmigung des Journalisten und Fotografen Hinne Bokma sowie Dank an Vera Nijveld, Abteilung Kultur und Kommunikation im Generalkonsulat des Königreichs der Niederlande in München, für die Vermittlung des Kontakts zu Hinne Bokma
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