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Die ältere Tochter

Frankfurt - Nürnberg - Frankfurt- Friesland - Amsterdam - Paramaribo

Johanna Helena Gräffin (1668-1730)

Johanna Helena kam kurz nach ihrer Geburt nach Nürnberg, als ihre Eltern von Frankfurt hierher umzogen. Die ältere Tochter hat ihre kunsthandwerkliche „Grundausbildung“ zweifellos von beiden Elternteilen noch in Nürnberg und Frankfurt erhalten. Sie hat die Zeit bei den Labadisten bewusst erlebt und vermutlich nicht so sehr unter der dortigen strengen Erziehung gelitten wie ihre jüngere Schwester. Denn sie lernte dort einen jungen Mann kennen, der sich der unerbittlichen Strenge von Pierre Yvon nicht beugte, obwohl er als „Bruder“ zu den Erwählten gehörte: Jacob Hendrik Herolt (~1660-1715) aus Bacharach (1) sagte sich sogar schließlich von den Labadisten los und wurde ein erfolgreicher Kaufmann in Amsterdam mit Handelsbeziehungen und Reisen nach Surinam. (2)

Nach der Übersiedlung der Mutter mit ihren Töchtern von Waltha nach Amsterdam wurde Ende Juni 1692 das Aufgebot von Johanna Helena und Jacob Hendrik außen am Amsterdamer Rathaus angeschlagen. Der Hochzeit stand nichts mehr im Wege bzw. der Legalisierung der bereits bei den Labadisten geschlossenen Ehe, die in Amsterdam noch einmal amtlich besiegelt werden musste, um als rechtsgültig anerkannt zu werden. (3)

Johanna Helena entwickelte stilistische Eigenheiten, die wir in Anlehnung an Ella Reitsma als „eigene Hand“ erkennen können: Ihre Aquarelle sind kühner, dreidimensionaler als die ihrer Mutter. (4) Ob sie diese Illusion von Tiefe in ihren Blättern noch von ihrem Vater, dem Meister des perspektivischen Zeichnens, gelernt hat?

Die Blumenmotive der Tochter wirken oft so lebendig, als wollten sie immer weiter über die Rahmenlinie hinauswachsen, so wie diese Passionsblume, die zu einer Serie von 49 Werken auf Pergament gehört. Sie werden im Herzog-Anton-Ulrich-Museum in Braunschweig aufbewahrt und dort als Gouachen bezeichnet, wobei die Grenze zu Aquarellen von den Fachleuten meist als fließend eingestuft wird. (5) Diese Meisterwerke, zu denen sie selbst ein Verzeichnis geschrieben und auf 1698 datiert hat, sind teilweise von ihr selbst signiert. Sie sind faszinierende Beispiele ihrer künstlerischen Begabung. (6)

Manche Motive sind auch in anderen Sammlungen zu finden. Ella Reitsma wirft in diesem Zusammenhang die Frage nach der wertmäßigen Unterscheidung zwischen Original, Replik und Kopie auf. Es wäre falsch, bei dem Familienunternehmen „Merian“ abwertend von Serienproduktion zu sprechen, obwohl wichtige Teile des Haushaltseinkommens – den Kundenwünschen entsprechend – auf der Wiederholung beliebter Merianin-Motive (7) und auf der Kolorierung von Raupenbüchern beruhten.

Blaue Passionsblume (8)

Serpentaria mit Schmetterlingen (9)

Johanna Helena hat als Malerin Aufträge für ihre Mutter übernommen. Diese „Variationen“ der Tochter haben jedoch ihren ganz eigenständigen Wert. Der Terminus „Variation“ wird hier bewusst in Analogie zu einer in der Musik geschätzten Gestaltungsform verwendet. Manchmal gelangen ihr sogar faszinierende Kompositionen, wie wir sie von ihrer Mutter nicht kennen. (10)

Johanna Helena blieb der Arbeitsgemeinschaft mit Mutter und jüngerer Schwester weiter verbunden, auch als um 1700 ihre Tochter (Maria) Abigail in Amsterdam geboren wurde. (11) Jacob Hendrik Herolt konnte seine Schwiegermutter wegen seiner weiten Reisen und guten Ortskenntnisse auch hilfreich bei der Vorbereitung ihrer Expedition nach Surinam beraten. Vielleicht hatte ihn sogar seine Frau Johanna Helena auf einer dieser Reisen in den 1690er Jahren begleitet. (12) Die Expedition der Merianin nach Surinam ging also nicht ins Ungewisse.

Wahrscheinlich hat die Tochter ihrer Mutter anschließend auch bei dem großformatigen Mammutwerk der Metamorphosis über die Surinam-Expedition geholfen, das nach vierjähriger intensiver Arbeit 1705 erschien und das Lebenswerk der Merianin krönte. Ella Reitsma sieht Johanna Helena als Schöpferin der kraftvollsten (13) Kompositionen. Danach gab es wieder viel Arbeit beim Illuminieren dieses Buches, vor allem von besonders wertvollen Umdruckexemplaren.

Spätestens 1714 (14) ist ihr Mann mit ihr und der gemeinsamen Tochter auf Dauer nach Surinam ausgewandert und hat für das Waisenhaus in Paramaribo gearbeitet. Von dort aus sandte Johanna Helena präparierte Schmetterlinge per Schiff nach Amsterdam zum Verkauf in dem „Familienunternehmen Merian“. Vielleicht hat sie schon 1711 dauerhaft in Surinam gewohnt, denn ihre Mutter schrieb 1712 in einem Angebot an einen Kunden, sie habe „Surinamsche Insekten“ von ihrer Tochter empfangen. (15)

Auf dem Titelblatt des dritten Raupenbuchs (1717) wurde für die Zukunft ein zusätzlicher „Appendix“ (Anhang) von Johanna Helena Herolt angekündigt und in der Vorrede versprach die jüngere Schwester als Herausgeberin Abbildungen mit tropischen Insekten, beobachtet von ihr (Johanna Helena), die derzeit in Surinam lebe. (16) Diese Erweiterung ist nie erschienen und es wird für immer ungeklärt bleiben, ob Johanna Helena Zeit zum Beobachten und Zeichnen fand, ob solche kostbaren Vorlagen mit einem gekenterten Segelschiff nach Amsterdam untergingen, oder ob es in Amsterdam niemanden mehr in der Nachfolge des „Familienunternehmens“ gab, der sich darum kümmern konnte. 1730 starb Johanna Helena als Witwe in Paramaribo. (17) Sie hatte zahlreiche Enkel, von denen vier zu ihren Lebzeiten geboren wurden. (18)

  1. Davis (Lit 1995) S.164
  2. aaO. S. 166 und S. 312 Fußnote Nr. 109
  3. Reitsma (Lit 2008) S. 105; Davis (Lit 1995) S. 312 Fußnote 109, erwähnt einen Ehevertrag (marriage contract)
  4. aaO. S. 121 und 139ff
  5. aaO. S. 160 über „watercolour” und „body colour”
  6. aaO. S. 150f
  7. aaO. S. 135
  8. Herolt, Johanna Helena, Blaue Passionsblume, Gouache mit doppelter brauner Federeinfassung auf weiß grundiertem Pergament, 37,5 x 20,3 cm, aus einer Serie mit 49 Werken; mit freundlicher Genehmigung des Herzog-Anton-Ulrich-Museums, Braunschweig, Inv. Nr. H 27 Nr. 24b, Bl. 17
  9. dieselbe, Serpentaria, Gouache mit doppelter brauner Federeinfassung auf weiß grundiertem Pergament, 37,5 x 20,2 cm, mit freundlicher Genehmigung des Herzog-Anton-Ulrich-Museums, Braunschweig, Inv. Nr. H 27 Nr. 24b, Bl. 43
  10. Reitsma (Lit 2008), S. 139ff
  11. aaO. S. 238
  12. Rücker (Lit 1967) S. 14, geht sogar davon aus, dass Johanna Helena mit ihrem Ehemann bereits vor der Expedition ihrer Mutter einige Jahre in Surinam gelebt hatte
  13. Reitsma (Lit 2008) S. 214: „de meest krachtige (powerful) composities“: Tafel XXXIII (33) Feigenzweig, Tafel XL (40); Papaybaum Tafel XLI (41) Winde mit Patate
  14. aaO. S. 238; Davis dagegen terminiert den endgültigen Umzug auf 1711 (Lit 1995) S. 200 und Fußnote 236, S. 333f; Pfister-Burkhalter (Lit 1980) S. 55 bereits auf 1702
  15. Wettengl (Lit 1997) Transkription Brief Nr. 18, S. 269
  16. Davis (Lit 1995) S. 200; dieselbe in Wettengl (Lit 1997), S. 200; Zitat aus dem dritten Teil des Raupenbuchs in Niederländisch, Vorwort: „Daar by voegende, een Appendix van Surinaamsche Insecten, geobserveert door myne Suster Johanna Helena Herolt, tegenwoordig noch tot Surinaame woonende, niet twyfelende of het eene en andere fal aangenaam zyn.“
  17. Die Passagierlisten von Schiffen, die aus Surinam zurückkehrten, sind noch erhalten (SocSur). Davis hat sie alle durchgesehen und die Namen Johanna Helena oder Jacob Hendrik Herolt bis 1723 nirgendwo gefunden: Davis (Lit 1995) S. 334, Endnote 237
  18. Dank an Renate Ell für die per E-Mail übermittelten interessanten genealogischen Recherchen: Die Herolt-Tochter Maria Abigail war seit 1722 mit Carel de Hoij verheiratet und sie hatten mindestens sieben gemeinsame Kinder. So auch Reitsma (Lit 2008) S. 238; möglicherweise leben noch Nachkommen von ihr in den Niederlanden oder in anderen Ländern der Welt.
de_DEDeutsch